26. Jun. 2006

Op Jöck

Mit der Bahn von Cottbus nach Berlin

Die Straßenbahnlinie 3 biegt in Cottbus neben dem Bahnhof nochmal links ab. Anstatt vor dem Bahnhof zu halten, wird man auf der anderen Seite der Kreuzung ausgespuckt. Bis man den Hindernislauf über Straßenbahngleise, Fußgängerampeln mit lang anhaltenden Rotphasen und Bahnhofsparkplatz bis zum Fahrkartenautomaten geschafft hat, vergehen ein paar Minuten. Jetzt bloß am Automaten nichts falsch machen …

16:08 Uhr. Der Zug nach Berlin ist pünktlich vor einer Minute abgefahren. Eine Bahnangestellte erklärt mir, ich könne mit dem gekauften Nahverkehrsticket auch mit dem IC in 20 Minuten bis Berlin fahren, während sie zwischendurch verirrte und verwirrte Fahrgäste zum richtigen Bahnsteig dirigiert, per Funkgerät Kontakt mit ihren Kollegen hält und sich über das Chaos heute beschwert.

Der IC 240 Wawel aus Kraków Główny fährt ein, gezogen von einer vermutlich polnischen, historisch anmutenden Diesellok. Im Zug begrüßen mich kühle Klimaanlagenluft, genügend freie Sitzplätze und die Schnapsfahnen kartenspielender Polen. Draußen laufen Polizisten, Zoll- und Bundespolizeibeamte und Reisende auf und ab. Einige der Beamten laufen durch den Zug, geben dabei den Kollegen auf dem Bahnsteig Handzeichen. Es wird eine beschädigte Scheibe ausgiebig fotografiert, der neben dem Fenster sitzende junge Mann wird gebeten, aufzustehen. Die gesprungene Scheibe wird mit einer Folie beklebt.

Gerade entdecke ich jede Menge Steckdosen. An jeder Vierer-Sitzgruppe mit Tisch befinden sich zwei davon. Ist ja besser als im ICE (?). Da hab ich jedenfalls noch nicht so viele gesehen.

In “Mobil – Das Magazin der Bahn”: Titelthema Monica Lierhaus. “Allein im Männerverein”. In “der ersten Reihe der TV-Moderatoren eine Frau”. Ein unglaublich langweiliger Artikel, in dem alles mögliche über Lierhaus behauptet, aber nicht klar wird, ob sie das auch so denkt.

“Ihr Reiseplan”: Wie spricht man eigentlich “Zabrźe” aus? Oder “Kędzierzyn Koźle”? Ein Hoch auf UTF.

In Berlin noch schnell einen Blick auf den neuen Hauptbahnhof werfen? Oder lieber als erster einchecken, um als erster ins Flugzeug zu dürfen …
Die Notausgangplätze sind beliebt – es hat sich rumgesprochen: Beinfreiheit für den Normalverbraucher. Üblicherweise prahlt er dann stolz bei den Mitreisenden, was für ein Fuchs er ist, wie er sich auskennt in der großen weiten Welt. “Mehr Beinfreiheit ham die inner ersten Klasse auch nich!” Germanwings hat keine erste Klasse. Wenn ich im Polo die vorderen Sitze ausbaue, habe ich hinten auch Beinfreiheit wie im Maybach. Immer alles vergleichen müssen! Genauso toll, groß, laut, stark, schnell wie … Mensch, nervt einen das nicht irgendwann selbst?

Aber vielleicht kommt ja alles ganz anders als sonst. Vielleicht sind ja nur müde Anzugträger im Flieger, die die Klappe halten. Man kann ja mal hoffen. Das mit der Klatscherei nach der Landung hat sich ja auch irgendwann gebessert. Macht man wahrscheinlich nur noch in Flügen nach Mallorca. Reine Spekulation – war noch nie da. Soll ja teilweise schön sein, vor allem landschaftlich.

Wo sind eigentlich die nach Schnaps duftenden Polen hin? Haben sich unbemerkt verflüchtigt. Ich rieche jedenfalls nichts mehr. Die Steckdosen scheinen nicht zu funktionieren. Der Thinkpad-Benutzer drei Reihen weiter hat entnervt sein Netzteil wieder eingepackt. Sein Notebook hat aber wohl noch Strom. Mein MacBook Pro zeigt gerade 80 % bzw. 2:56 h Restlaufzeit an. Geht in Ordnung.

Flughafen Berlin-Schönefeld

Im Berliner Hauptbahnhof bin ich nicht bis die unteren Ebenen vorgedrungen. Stattdessen im ersten (?) OG eine Strärkung eingenommen und den Blick durch die von Brücken, Treppen und Stützen durchdrungene Halle schweifen lassen. Haut mich nicht vom Hocker. Einheits-Bahnhofsarchitektur in ziemlich groß. Ich fand es nicht so unübersichtlich, wie einigen Berichten zufolge zu befürchten war. Ziemlich viele Fußballfans überall. Hübsch und weniger hübsch anzusehende Jungens und Mädels unterschiedlichster Herkunft quetschen sich vor den Tresen von Burger King und Pizza Hut.

Im Flughafen: Am Eingang Werbung für einen WLAN-Hotspot. “The Cloud Networks” verlangt für 30 Minuten EUR 4,95. Ich glaube, es hakt. Nur leider gibt’s hier nebenan vom Wald-und-Wiesen-Flughafen keine zig WGs, die ihre WLANs offen lassen, wie es in der großen Stadt üblich ist. Aber trotzdem: Heutzutage bietet doch schon fast jede Imbissbude WLAN für lau. Vielleicht macht ja mal einer ein nettes Café in dieser Blechbaracke auf und bietet sowas an. Da würde ich dann auch einen doppelten Espresso trinken.

Ziemlich ruhig hier. GlobeGround Berlin scheint auch schon den Dienst eingestellt zu haben. Niemand holpert mit den Gepäckwagen durch die Gegend, die stehen alle brav herum. Ob die ganzen Flüge auf den Displays alles Fakes sind? Anwohner, die ihr geplagt seid vom Fluglärm: Kommt in den Flughafen! Hier herrscht Zen-mäßige Ruhe und Gelassenheit!

Da hier nix is mit Internet, werde ich wohl noch etwas im metamac magazin schmökern und danach vielleicht noch eine Zeitschrift in Hardware erstehen …

Foto: Dienst-Polo von GlobeGround Berlin, mit Deutschland-Fahne geschmückt Partypatriotismus auch beim Boarding – der Supervisor von GlobeGround hat seinen Dienstwagen WM-mäßig geschmückt.

Flughafen Köln/Bonn

23:05 Uhr. Leck mich en de Täsch. Ich hätte die S-Bahn um 22:56 Uhr erwischen können, wenn es im Flughafenbahnhof die Möglichkeit gegeben hätte, ein Ticket zu kaufen. Stattdessen folgende Situation: Am Eingang zum Bahnhof befinden sich ganze vier Fahrkartenautomaten. Davon nehmen drei theoretisch Bargeld in Scheinen und Münzen sowie Geldkarte (was ist das?). Ein weiterer Automat nimmt nur und zwar richtige Karten, dort ist der größte Andrang. Ich komme an einem der drei bargeld-mögenden Automaten an die Reihe. Die Fahrt kostet neun Euro, ich kriege aber nur acht und ein paar zerquetschte in Münzen zusammen. Nicht schlimm denke ich, der Automat zeigt mir ja an, dass er von der fünf- bis zuf 50-Euro-Banknote auch Papiergeld nimmt. Der 20-Euro-Schein kommt wieder raus, auf dem Display ist plötzlich alles außer fünf- und zehn-Euro-Scheinen durchgestrichen. Verarschen!? In diesem Moment sehe ich unten meinen Zug wegfahren. Liebe Bahn, wann kommt ihr endlich mal auf den Trichter, Automaten in den Zügen zu installieren, anstatt jedem, der es nicht geschafft hat eine Fahrkarte zu kaufen, weil eure Automaten zu wenig, zu kaputt, zu unverständlich sind, im Zug eine Strafzahlung aufs Auge zu drücken, falls ihr ihn ohne Fahrausweis erwischt!? Ignoranten.

Foto: Flughafenbahnhof Köln/Bonn Der Zug ist weg: Warten im Bahnhof im Flughafen Köln/Bonn.

Da der Zug eh weg ist, kann ich nun wenigstens geduldig warten, bis ich an dem einzigen Automat, der Karten akzeptiert, an die Reihe komme. Ein vielreisender Mensch kommt unterdessen dazu und regt sich ebenfalls über die Bahn-Situation auf. Ich gehe zum Bahnsteig und versuche, mich mit größtmöglicher Gelassenheit auf den weiteren Verlauf der Bahn-Reise und zu erwartende Komplikationen einzustimmen.

Es hat tatsächlich noch mehr Komplikationen gegeben: Aufgrund einer falschen Durchsage im Zug, wo man umsteigen soll, habe ich mal wieder einen Zug verpasst. Typisch Bahn eben …



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