17. Jul. 2009

Haarsträubend

In Münster gab es ein tragisches Ereignis: Ein knapp 80-jähriger Mann hatte anscheinend Schwierigkeiten, mit seinem Gepäck eine Treppe zu bewältigen (das Gepäckband war nicht in Betrieb) und ist infolgedessen so unglücklich die Treppe hinuntergestürzt, dass er an den Folgen des Unfalls verstarb. [via: Indiskretion Ehrensache]

Der Bahnsprecher Udo Kampschulte wird von den lokalen Medien wie folgt zitiert:

„Wenn man als älterer Mensch verreist – was man nicht tun muss –, dann muss man sich halt vorher erkundigen, wie man auf den Bahnsteig kommt.“
[…]
„Der Mann hätte auch woanders stürzen können. Dass es ausgerechnet im Bahnhof passierte, ist ein unglücklicher Zufall.“
(Westfälische Nachrichten)

„Wenn jemand aber eigensinnig ist, für den Fall kann man eine gewisse Mitschuld nicht verneinen.“
[…]
„Es gibt keine Garantie, dass immer ein Aufzug, eine Rolltreppe oder ein Gepäckband auf allen Bahnhöfen im Land zur Verfügung steht. Das gilt für Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen ebenso wie für alle Reisenden.“
(Echo Münster)

„Er hätte sich helfen lassen können.“
(westline.de)

Im Nachhinein will der Bahnsprecher natürlich nur falsch verstanden und falsch zitiert worden sein. Wer’s glaubt …

Mal ganz abgesehen davon, wie gut oder schlecht der Bahnhof Münster unter dem Aspekt Barrierefreiheit nun tatsächlich ist, wie stark oder gering die körperlichen Einschränkungen des verunglückten Herrn tatsächlich waren: Die Äußerungen passen leider gut zum üblichen Gebaren der Bahn, wenn es um die Verweigerung von Barrierefreiheit geht und offenbaren im Übrigen, was für eine haarsträubende, menschenverachtende Einstellung dort anscheinend teilweise in den Köpfen des (hochrangigen) Personals vorherrscht.

Eigentlich genügt gesunder Menschenverstand, um diese Haltung als arrogant und menschenverachtend zu erkennen. Denjenigen, die dabei etwas Nachhilfe benötigen, sei ein kurzer Blick ins Grundgesetz ans Herz gelegt:

“Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ (Art. 3 GG)

Schwer zu kämpfen mit den Einrichtungen der Bahn haben übrigens auch insbesondere blinde und sehbehinderte Menschen. Ein sehr aufschlussreiches Dokument zum Thema Barrierefreie Treppen hat der Berliner Architekt Klaus-Dieter Wüstermann zusammengestellt, der auf seiner Website noch weitere fundierte Informationen zum Thema Barrierefreiheit im Angebot hat. Soviel sei im Voraus verraten: Der Berliner Hauptbahnhof kommt dabei sehr schlecht weg …



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