22. Jun. 2005
Fragen an Dirk Hesse
„Dirk Hesse ist Minimalist, und zwar ein ziemlich guter.“ (Gerrit van Aaken) Anläßlich der kürzlichen Überarbeitung seiner Webseiten habe ich ihm einige Fragen gestellt – zu seinen Webseiten und der Umstellung auf Textpattern, Gestaltung und Architektur sowie seiner Beziehung zu Dortmund …
Die überarbeitete Homepage von Ligne Claire
Kürzlich hast du dein Weblog Ligne Claire und deine Portfolio-Seite überarbeitet und auf Textpattern umgestellt. Du wirbst mit der Aussage: “Ich gestalte hochwertige Webseiten, die einfach zu benutzen und lange haltbar sind.” Wie bewertest du die Haltbarkeit deiner eigenen Seiten und warum bist du auf Textpattern umgestiegen?
Das mit der Haltbarkeit bezieht sich zum einen auf das Arbeiten mit Webstandards, die Dokumente von Browsern abkoppeln, und zum anderen auf eine Vorstellung von Design, das sich nicht von kurzlebigen Trends abhängig macht, sondern versucht möglichst funktional und damit zeitlos zu sein. Obwohl man sich sicher nicht immer von Trends frei machen kann, Schlagschatten sind ja zum Beispiel auch ganz nett. Im Web kommt es mir oft so vor, als ob viele Leute gewisse Techniken oder Features nur einsetzen, weil es sie gibt, nicht weil sie gebraucht werden. Plötzlich tauchten überall diese Flickr-Accounts auf. Oder Ajax.
Auf Textpattern bin ich umgestiegen, weil ich mit Wordpress, das ich wiederum vor einigen Monaten aufgrund Movable Types ständiger Arbeitsverweigerung installierte, nie richtig zurechtgekommen bin. Ich habe das System dahinter nicht begriffen, und diese PHP-Soße ist schrecklich. Textpattern dagegen ist eine benutzerfreundliche, elegante und flexible Software, die Wordpress in jeder Hinsicht überlegen ist. Als ein Redesign nötig wurde und aus Textpattern endlich diese lästigen nummerischen IDs in den Permalinks verschwanden, gab es keinen Grund mehr für Wordpress. Mit Textpattern lassen sich auch problemlos völlig verschiedene Webseiten, wie in meinem Fall das Portfolio und das Weblog, sehr bequem zentral verwalten.
Die überarbeitete Portfolio-Seite von Dirk Hesse
Im Interview mit Web Design Library hast du gesagt, du wüsstest gerne, was Otl Aicher zum Internet gesagt hätte. Mir drängte sich nach der Lektüre von Die Welt als Entwurf die gleiche Frage auf. (Jetzt wird’s sehr hypothetisch:) Wenn man die Ideen von Otl Aicher auf das Gestalten von Webseiten überträgt und den Trend zum standardkonformen, semantischen, barrierefreien Web betrachtet: Findest du, dass dieser Trend auch das Webdesign in eine Richtung verändert, die Otl Aicher für gut befunden hätte?
Barrierefreie Gestaltung ist ja ein Thema, das er in seinen Texten nicht behandelt. Aber man kann erahnen, dass er ein standardkonformes und barrierefreies Web nicht schlecht gefunden hätte. Denn das funktionale, im wörtlichen Sinne »stil-lose« Design, für das Aicher stand, bedeutet eben auch funktionales Design »für alle«. Also im Sinne von demokratischer Gestaltung, nicht von Design als Distinktionsvehikel, wie wir es in Form von »Design-Fernsehern« und »Designer-Brillen« kennen (als wäre nicht jeder Fernseher und jede Brille von jemandem gestaltet worden). Das ist ja überhaupt eine der größten Herausforderungen beim Gestalten, etwas so hinzubekommen, dass es eben für alle Benutzer passt. Als Webdesigner entzieht man sich ja mit Styleswitchern u.ä. ein wenig seiner Verantwortung.
Wenn Aicher über das Greifen und Türklinken schreibt, hat er sicher nicht Rollstuhlfahrer explizit von seinen Überlegungen ausgenommen. Ich nehme eher an, dass Barrierefreiheit zu seinen Zeiten ganz einfach nicht das Thema war, das es heute ist.
Otl Aicher hat die Gemeinsamkeiten bei der Tätigkeit des Entwerfens in den verschiedenen Disziplinen betont – z.B. Design und Architektur. Würdest du gerne einmal in einem interdisziplinären Büro wie Lightroom arbeiten?
Klar, die haben schließlich nette Büroräume! Allerdings kommt mir Lightroom nicht richtig interdisziplinär vor, im Grunde ist es ja nur eine Bürogemeinschaft. Die Disziplinen berühren sich ja nicht, wie es z.B. bei einem Flughafen-Leitsystem der Fall ist.
Architektur und Webdesign sind Cousins, enger verwandt als andere Gestaltungsdisziplinen. Es geht ums Einfassen und Begehbarmachen von Räumen. Manchmal unterhalte ich mich mit einem befreundeten Architekten über Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Das ist ganz witzig, der musste z.B. erst ein Gespür für Typo entwickeln, datt lernen die ja nich’ an ihre Hohe Schule und deswegen benutzten die Studenten dort alle Arial für ihre Entwürfe. Und auf der anderen Seite: als Webdesigner habe ich mir hoffentlich ein bisschen abschauen können, was ökonomische Gestaltung angeht.
Du schreibst darüber ja auch in Deinem Eintrag, dass man voneinander lernen kann. Ich finde, es gibt erstaunliche Parallelen: obwohl es in der digitalen Welt eigentlich keine materiellen Beschränkungen geben sollten, spielen dort, statt z.B. »schöner«, doch viel zu teurer Holzverkleidungen, eben Dinge wie begrenzte Bandbreiten eine Rolle. Ein Riesenfenster, das einen Raum schlecht beheizbar macht, ist das Pendant zum Text aus Gifs. Sieht nett aus, ist aber deswegen noch lange keine gute Gestaltung.
Du zeigst einen subtilen Humor, indem du schreibst, du seist “Insasse von Dortmund”. Deine Liebe zu Dortmund dokumentierst du auch in deinem Fotoblog Exportweltmeister. Was ist schlimmer: Deutschland, Dortmund oder PUR?
Ich glaube Keith Richards hat irgendwann mal gesagt, die Rolling Stones seien »wie die Army. Einmal drin und du kommst nie wieder raus.« Das, befürchte ich, gilt in etwa auch für Dortmund. Zumindest lassen die Briefe von Exil-Dortmundern, die mir wegen Exportweltmeister schreiben, darauf schließen. Es ist auch nicht so, dass ich Dortmund unbedingt liebe, obwohl es, für Außenstehende schwer erkennbar, gewisse Reize hat.
Aber immerhin ist Dortmund nur ein bierseliger Schnäuzer-Typ mit Kunstlederjacke. Deutschland dagegen ist Hans-Olaf Henkel im Jogginganzug.