19. Jan. 2007
Einstürzender Neubau
Eine Polemik
Der Berliner Hauptbahnhof hat seine beste Zeit hinter sich. Diese ging von 2002 bis 2005. Während dieser Jahre bestand der Bau aus einer langgestreckten, eleganten Glasdachkonstruktion. Zwar war das Glasdach schon mutwillig um über 100 m gekürzt worden, aber aufgrund der immer noch beeindruckenden Gesamtlänge und der erhöhten Position auf den 450 m langen Brücken der Stadtbahnebene trotzdem als markant-eleganter Stadtbaustein sichtbar.
Die Verschandelung des Ganzen nahm im Jahr 2005 mit dem Bau der sogenannten Bügelbauten nach und nach immer konkretere Formen an. Ohne den gesamten Entwurf genau zu kennen, waren die Vorgänge auf der Baustelle schon damals sehr irritierend. Vom Glasdach war von mal zu mal weniger zu sehen, zwei grotesk riesige Klötze wuchsen jeweils auf beiden Seiten des Gebäudes empor. Geradezu schockierend war jedoch der Anblick des fertigen Bahnhofs, wenn man sich 2006 dem Moloch näherte und das Bild des einst eleganten Glasbogens noch im Kopf hatte.
Berliner Hauptbahnhof im Bau (Oktober 2005)
Mittlerweile ist der Bahnhof eine Weile in Betrieb. Abgesehen vom Anblick möchte man als Kenner vor allem niemandem eine Ankunft oder ein Umsteigen dort zumuten. Als junger, gesunder Mensch mit einem sehr guten Orientierungsvermögen kann man sich mit etwas Übung noch halbwegs flink durch das Chaos aus kaputten Aufzügen, fehlender Erschließung und verirrten, hilflosen Reisenden bewegen. Mit schwerem Gepäck sieht das aber schnell ganz anders aus.
Glücklicherweise wird am 18. Januar 2006 niemand verletzt, als sich während des Orkans Kyrill ein mutmaßlich tonnenschwerer Träger aus einem der Bügelbauten löst und aus ungefähr 40 m Höhe auf eine Eingangstreppe stürzt. Nachdem einem beim Anblick der Fernsehbilder zunächst der Atem stockt angesichts der Tragödie, die hätte geschehen können, ist der zweite Gedanke: Was ist das überhaupt für eine Konstruktion, die eigentlich ein riesiges Gebäudeungetüm tragen soll und dann wegen ein bisschen Sturm auseinanderfällt? Nur Attrappe?
Das komplette Drama des Berliner Hauptbahnhofs ist übrigens in Wikipedia recht ausführlich dokumentiert.
Update: Wie zu vermuten war, sind die abgestürzten Teile tatsächlich nur dekorativer Firlefanz:
Mehdorn sagte heute, die Statik des Gesamtgebäudes sei nicht beinträchtigt, da es sich bei den Trägern um reine Dekorationselemente gehandelt habe.
(Quelle: Spiegel Online)